Was ist Klettern eigentlich?Sicher haben manche schon von Reinhold Messner gehört, von seinen spektakulären Bergaktionen, oder sogar von Hans Kammerlander, dem Huber Buam, Hermann Buhl oder Walter Bonatti. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm, denn diese furchtlosen Gipfelstürmer haben wenig mit dem Trend des Kletterns zu tun.
Auch der aktuelle Kinofilm über die Begehung der Eiger Nordwand hat keine Relevanz für das Sportklettern an der Kunstwand.Das, hoffe ich, leuchtet Ihnen nach diesem Beitrag ein! Das Klettern ist schon lange kein Extremsport mehr!Sondern hat sich viel mehr um Breitensport entwickelt. Der Weg in die Horizontale wird mittlerweile von allen Generationen angestrebt, ohne dass dabei Gefahren eingegangen werden. Mit ausreichend Wissen und verantwortungsvollem Umgang mit Kletterpartner und Material ist es eine sichere Sache! Deswegen steht Sicherheit, die richtige Sicherungstechnik und – Methodik an erster Stelle jedes Kursplans. Und mit dem richtigen Umgang und der gegenseitigen Kontrolle können andere Schwerpunkte in den Mittelpunkt gerückt werden, nämlich die Erfahrung mit dem eigenen Körper und genauso mit dem Geist. Das Klettern ist heute Lebenseinstellung, Freizeitvergnügen, Schulsport und sogar Therapie! Den Sinn des Erklimmens der Kunstwand bestimmt jeder selbst. Man kann für sich die sportliche Herausforderung in den Mittelpunkt stellen, aber genauso die Rückenkräftigung, die Selbstüberwindung, die neue Erfahrung mit dem eigenen Körper oder das gemeinsame harmonische Erlebnis als Gegenpol zur hektischen Konsumgesellschaft. Klettern ermöglicht ganzheitliche körperliche Erfahrungen. Die Frage: Warum mache ich das überhaupt? - die sich vielleicht stellt, wenn man vor der Wand steht, die bunten Klettergriffe betrachtet und sich Seil und Kletterpartner vertrauend auf den Weg macht – ist nach der ersten Selbstüberwindung schnell beantwortet. Auf den kleinen Tritten einige Meter über dem Boden oder noch besser, nach der Route wieder auf flächigem Untergrund, schenkt einem das Klettern unübertreffbare Hochgefühle. Beim Folgen der bunten Griffe an der Wand wird man immer wieder auf Bewegungsprobleme stoßen, die von jedem ganz individuell gelöst werden können. Dabei steht nicht die Kraft im Mittelpunkt! Denn wer denkt, dass klettern nur mit den Armen geschieht, hat sich gewaltig getäuscht. Der ganze Körper wird beansprucht und ganz besonders die Rückenmuskulatur. Dies trifft insbesondere den Leitgedanken der Prävention: wer seinen Rücken stärkt, vermindert das Risiko, unter Rückenschmerzen zu leiden. Oder noch besser, ein starker Rücken reduziert das vorhandene Leid mit dem Kreuz. | Der Gesundheitsaspekt ist beim Klettern also in starkem Maße
vertreten. “Schneller, höher, weiter” sollen bei unserem Kurs nicht im
Vordergrund stehen! Und damit richtet sich das Bewegungserlebnis
Klettern nicht nur an Jung, sondern genauso an „Best Agers“ (klingt
“Neudeutsch” einfach besser)! Beim Klettern lernt man, Bewegungen ruhig
und kontrolliert durchzuführen. Und entwickelt dabei Kraft. Aus diesem
Grund findet das Klettern therapeutischen Einsatz. Zum Beispiel bei
Skoliosepatienten, oder ganz allgemein als Wirbelsäulengymnastik und
zur Verbesserung der Rumpfstabilität. Aber auch beim Beinachsentraining
wird es eingesetzt, das überrascht vielleicht den einen oder anderen,
aber Beinarbeit und Fußtechnik stehen beim Klettern ganz vorne. Die
Kraftausdauer kann damit bei Knie- und Sprunggelenksverletzungen oder
sogar nach Knie- oder Hüftoperationen verbessert werden kann.
Selbstverständlich wird beim Festhalten der Griffe die gesamte Arm- und
Schultermuskulatur trainiert und darüber hinaus die Beweglichkeit der
Schulter verbessert.  Man lernt Muskeln kennen, mit denen man bisher
selten oder nie Bekanntschaft gemacht hat, und dies beschränkt sich
nicht auf die Arme, sondern auf den gesamten Körper! Aber auch die
Denkleistung, Konzentrationsfähigkeit und Handlungskompetenz werden
durch das Klettern geschult und verbessert. Darüber hinaus werden die
emotionalen Fähigkeiten jedes Einzelnen „trainiert“. Man lernt mit
Ängsten umzugehen, man erfährt Vertrauen in den Kletterpartner und
lernt eigene mentale und physische Grenzen kennen und akzeptieren. Aus
diesen Aspekten heraus ist es nicht verwunderlich, dass Klettern immer
mehr in pädagogischen Einrichtungen angeboten wird. Vor allem der
verantwortliche Umgang mit sich und anderen verstärken beim Klettern
das erlebte Miteinander. Damit hoffe ich, Ihr Interesse geweckt,
so manche Vorurteile beseitigt und die Lust zum Ausprobieren gesteigert
zu haben. Nichts wie los zum Klettern!
Eine Warnung muss ich allerdings am Ende noch loswerden:
Vorsicht! Klettern kann süchtig machen!
Eure Bettina Fritz |